Effektive Mikroorganismen

Da euch unsere Bokashi-Folge so gut gefallen hat, wollen wir heute nochmal das Thema effektive Mikroorganismen unter die Lupe nehmen. Wenn man so ein bisschen rumgooglet, gewinnt man leicht den Eindruck, dass die sogenannten EMs eine absolute Wunderwaffe in Garten und Haushalt sind. Was ist da dran?

Wer hat’s erfunden?

Ausnahmsweise nicht die Schweizer, sondern ein Japaner namens Teruo Higa. Der Professor für Gartenbau hat in den 1980ern die These aufgestellt, dass im Boden dreierlei Arten von Mikroben leben. Er unterscheidet:

  • positive Mikroben, die aufbauend wirken und das Bodenleben fördern
  • negative Mikroben, die Fäulnisprozesse auslösen und Krankheiten verursachen
  • opportunistische Mikroben, die entweder die positiven oder negativen Mikroben unterstützen 

Um das Bodenleben positiv zu beeinflussen, kann man also einfach positive (regenerative) Mikroorganismen dazugeben und alles kommt wieder ins Lot. Wie gesagt, das ist eine These, die bis heute noch nicht hinreichend belegt ist.

Was ist drin?

Effektive Mikroorganismen (EMs) sind kommerzielle Mischungen von Mikroorganismen, die in einer Nährlösung schwimmen. Es gibt verschiedene Anbieter, die ihre genauen Rezepturen meist geheim halten. Eine Zutatenliste könnte in etwa so aussehen:

  • Wasser
  • Nährlösung (Melasse)
  • Milchsäurebakterien (Sind zuständig für Fermentation. Sie  wandeln Zucker und Stärke in Milch- und Essigsäure um. Dabei entstehen außerdem Vitamine)
  • Hefen (ernähren sich von Sauerstoff und Kohlenhydraten und geben dabei verschiedene Säuren, Vitamine, Enzyme und Antioxidantien ab
  • Photosynthesebakterien (liefern Energie und bauen Giftstoffe ab)

Die Bakterien und Hefen leben in Symbiose und sollen dabei helfen, dass z.B. Fäulnisprozesse oder Schimmelwachstum unterdrückt werden und stattdessen eine Fermentation in Gang kommt. 

Alles Hokuspokus oder ist was dran?

Wenn man auf den Internetseiten der Hersteller stöbert, bekommt man den Eindruck vermittelt, dass EMs viele Wunder bewirken können. Bisher gibt es keine wissenschaftlichen Belege für ihre Wirksamkeit. Das muss natürlich nicht bedeuten, dass alles nur Scharlatanerie ist. Die Mischungen werden zum Beispiel in der ökologischen Landwirtschaft und auch zur Gewässerreinigung eingesetzt. Wir verwenden EMs vorrangig im Bokashi und dass dieser eine positive Wirkung in unserem Garten hat, haben wir ja schon mal an anderer Stelle beschrieben. Wir dachten, wir versuchens mal und teilen unsere Erfahrungen mit euch.

EM im Garten

Da EMs ja positiv auf die Entwicklung des Bodenlebens wirken sollen, liegt ein Einsatz im Garten nahe. Wir verbuddeln regelmäßig unser Bokashi-Ferment (Küchenabfälle+EM) in den Beeten und können dort auch eine höhere Bodenaktivität beobachten. Das liegt natürlich nicht ausschließlich an den Mikroorganismen sondern auch an den lecker fermentierten Küchenabfällen.

Man kann EMs ebenso zum Gießwasser geben und damit dann Beete oder Kompost bewässern, um mehr Aktivität in den Boden zu bringen. Die Mikroorganismen sollen den Abbau von organischem Material unterstützen und dadurch zu einer schnelleren Kompostierung führen. Die Hersteller*innen versprechen außerdem häufig eine Düngewirkung und einen Schutz vor Krankheiten. Die Düngewirkung wird in Studien nicht explizit auf die EMs zurückgeführt, sondern auf die Nährlösung, in der die EMs schwimmen. Auch die Wirkung bei Pflanzenkrankheiten konnte noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden. Es ist aber nicht auszuschließen, dass Mikroorganismen präventiv vor Pilzbefall schützen können. Wenn man eine verdünnte EM-Lösung auf die Blätter der Pflanzen sprüht, könnten die Mikroorganismen die Blätter besiedeln, bevor es schädliche Pilze o.ä. tun können. Ein weiterer angepriesenes Effekt, der vermutlich viele Gärtner*innen anspricht, ist dass das Ausbringen von EMs Schneckenbefall verhindern soll. Wenn ich es richtig verstanden habe, stehen Schnecken auf Schimmliges und Fauliges im Boden und die EMs sorgen ja dafür, dass Fäulnisbakterien und Schimmelpilze verschwinden. Ich würde euch jetzt gern sagen, dass das stimmt, aber auch hier gibt’s noch keine Belege. Ich hatte leider auch noch keine Gelegenheit einen Feldversuch zu starten, wäre aber auf eure Erfahrungen gespannt. 

EM im Haushalt

Egal ob Küche, Bad oder Wohnzimmer, scheinbar kann man EMs überall gebrauchen. Ich hatte mich vorher nur mit EMs im Garten befasst und hielt sie da auf jeden Fall für eine ausprobierenswerte Sache. Beim Lesen verschiedener Blogs und Internetseiten bin ich dann doch etwas stutzig geworden. Hier wird beschrieben, dass man EMs zum Waschen, Geschirrspülen,  Putzen, Beseitigen von Gerüchen und zur Verbesserung des Raumklimas nutzen kann. Oft sind die besagten Blogs direkt bei den Hersteller*innen untergebracht. Nun will ich euch nicht mit meiner Skepsis verwirren, denn ich habe in diesem Bereich noch nicht viel ausprobiert. Und wenn wir mal an Essig denken, ist der ja auch ein ziemliches Wundermittel. Es würde den Rahmen sprengen, euch alle Anwendungsmöglichkeiten zu erörtern. Sollte es funktionieren, sind EMs auf jeden Fall ein gutes biologisches Putzmittel, das für unser Grundwasser unbedenklich ist. 

Eine Anwendung, die ich gern noch ausprobieren möchte, ist die gegen Schimmel. Die EMs können dabei wohl eher eine präventive Rolle einnehmen. In der Theorie klingt das so, dass dort wo schon ein Pilz wohnt, kein zweiter siedelt. Hat man also Schimmel in der Wohnung, soll man ihn entfernen und dann EM-Lösung darauf sprühen, damit die darin enthaltenen Hefen den Platz besiedeln. Das klingt für mich irgendwie schlüssig, wobei ich keinerlei biologisches oder chemisches Fachwissen dazu habe.

EM zur Gewässerreinigung

Bei der Recherche nach Möglichkeiten unseren fast gekippten Teich zu retten, bin ich auch auf EMs gestoßen. Das Versprechen: die enthaltenen Mikroorganismen zersetzen den Faulschlamm. Soweit ich das gelernt habe, wird anfallendes organisches Material am Grund eines Gewässers von Bakterien und anderen Mikroorganismen zersetzt, damit dies passiert, braucht es Sauerstoff. Kippt ein Gewässer, liegt das daran, dass zu viele Nährstoffe vorhanden sind und die Sauerstoffkonzentration auf dem Teichboden nicht mehr ausreicht für die Bakterien, die das Material zersetzen sollen. Unter anaeroben Bedingungen fühlen sich dann Fäulnisbakterien wohl und es entsteht stinkender Faulschlamm. Die EM-Anbieter*innen empfehlen in so einem Fall, das Einbringen von sogenannten Dangos (jap. für Knödel). Das sind Kugeln aus Urgesteinsmehl, Keramikpulver und EM. Diese Kugeln kann man selber herstellen und dann in den Teich werfen. Sie sollen dann auf den Grund sinken und die Mikroorganismen dann direkt in die Faulschlammschicht bringen. Ich hab das ausprobiert. Die empfohlene Menge ist ein Dango pro 2m². Für unseren Teich müssten also theoretisch zwei reichen, ich hab sicherheitshalber drei versenkt.

Was ich bisher (nach zwei Wochen) beobachten konnte, ist dass der Wasserspiegel nicht mehr absinkt. Wir hatten vorher das Problem, dass ständig Wasser im Teich fehlte und dachten schon, er hätte ein Loch. Ob dieser Effekt etwas mit den Dangos oder dem Wetter zu tun hat, kann ich allerdings nicht sagen. Ansonsten ist das Wasser durch das Urgesteinsmehl etwas getrübt. Das könnte natürlich auch zu weniger Algenwachstum führen, da ja weniger Licht in den Teich fällt. So ein richtig krasser Effekt hat sich also noch nicht eingestellt, aber das kann ja auch noch kommen. Den Fischen schaden die Dangos jedenfalls nicht und der generelle Zustand des Teiches scheint sich etwas verbessert zu haben. 

Mein Fazit

Das ist jetzt wirklich ganz subjektives Empfinden und sagt nichts über die Wirksamkeit von effektiven Mikroorganismen aus. 

Da es wirklich noch nicht viel wissenschaftliches Material gibt, bewegen wir uns hier ganz schön viel im Konjunktiv. Dass der Bokashi das Bodenleben so positiv beeinflusst, könnte an den EMs liegen. Dass der Teich etwas besser aussieht, könnte an EMs liegen. Dass Pflanzen, die mit verdünnten EMs gegossen werden kräftiger und widerstandsfähiger sind, könnte an EMs liegen. Dass in der Ecke des Kinderzimmers kein Schimmel mehr wächst, könnte an EMs liegen. 

Ich war anfangs total begeistert und wollte unbedingt eine Episode zu diesem Thema machen. Ziemlich schnell während der Recherche hatte ich das Gefühl, gutem Marketing auf den Leim gegangen zu sein. Ich muss sagen, abschließend hat sich das etwas relativiert. Ich glaube gerade der Einsatz im Garten lohnt sich und das werde ich auch weiter so machen. Bei allen anderen Zauberversprechen werde ich vorsichtig sein und erstmal recherchieren. Effektive Mikroorganismen sind für mich eine gute Unterstützung für meinen Komposthaufen. Sollte unser Teich wieder genesen, werde ich sie auch dort weiterhin anwenden. Bei vielen anderen Anwendungsgebieten werde ich bei Hausmitteln wie z.B. Essig bleiben, da dieser auch um einiges günstiger ist. Trotzdem würde ich nicht davon abraten, effektive Mikroorganismen auszuprobieren. EMs werden schon großflächig im Agrarbereich eingesetzt und auch bei der Wasseraufbereitung spielen sie eine Rolle. Die fehlenden Studien werden sicher irgendwann kommen und für uns alle Gewissheit liefern. Bis dahin bleiben wir einfach neugierig und kritisch.

Quellen:

Beneficial and Effective Microorganism
Utopia Beitrag zu EMs
Photosynthesebakterien
Wikipedia
Beitrag im Gartenjournal
Es geht auch einfach! – Gärtnern für Selbstversorger mit wenig Zeit & wenig Platz – Otmar Dietz; Kosmos 2018
geteiltes Wissen ist doppeltes Wissen...
Print this page
Print
Share on Facebook
Facebook
Pin on Pinterest
Pinterest
Email this to someone
email

2 Replies to “Effektive Mikroorganismen”

  1. Polda

    Meine Erfahrung zum Thema EM u. Bokashi: funktioniert genauso supi ohne EMs. Wichtig ist der Luftabschluss u. die Abfälle möglichst klein zu hacken. Auf Biogemüse sind genug gute Mikroorganismen damit die Fermentierung abläuft. (bei Sauerkraut gibt man ja auch keine Bakterien hinzu). Nach der Fermentierung mische ich etwas Urgesteinsmehl unter, damit der Boden nicht versauert. Viele Grüße! Polda

    • sauercrowded

      Super Hinweis. Danke! Den Gedanken mit dem Sauerkraut hatte ich auch schon. Ich hab auch irgendwo gelesen, dass man die Fermentation im Bokashi-Eimer mit Sauerkrautsaft oder Brottrunk anfeuern kann. Ich geb eigentlich nur noch zum starten EMs in den Bokashi und kippe sonst auf jede neue Schicht den „Bokashisaft“ aus dem Eimer. Das funktioniert auch wunderbar 😊 lg Jule

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.